Neuanfang
Ach ja, ich hatte mal einen Blog! Habe ich immer noch, habe ich gerade festgestellt. Das Internet hat ein langes Gedächtnis, wie es neuerdings überall heißt. Ich hatte im September mit einem prätentiös-poetischen Text über Mücken angefangen und dadurch die Meßlatte so hoch gesetzt, dass ich in den Tagen darauf nicht mehr drüber kam. Aber eigentlich ist das alles eine gute Sache, deswegen lege ich heute neu los, diesmal ohne Ansprüche und notfalls selbstreferentiell bis zum Erbrechen. Eigentlich ist das ja so wie ein Tagebuch, nur dass man beim Tagebuch noch sicherer sein kann, dass es keiner sonst lesen wird. Aber Hand aufs Herz: Man muss nicht besonders narzisstisch sein, um selbst beim Tagebuchschreiben ab und zu daran zu denken, dass es jemand doch lesen könnte. Und selbst wenn man sich ganz sicher ist, dass es niemals und unter keinen Umständen passieren wird, dass das ganze Zeug jemals von irgendwem gelesen werden wird, ist im Prozess des Aufschreibens doch immer ein undeutliches Sich-An-Jemanden-Richten, eine leise Anrede enthalten. Schreiben ist nicht Denken. Den Raum des Privaten hat man auf jeden Fall schon mal hinter sich gelassen, zumindest in einem ersten Schritt. Vielleicht macht das auch den Reiz des Tagebuchschreibens aus. Ganz sicher ist es der Grund, weshalb ich damit aufgehört habe, als mein Leben anfing, mir selbst peinlich zu werden. Wie auch immer. Jedenfalls liest so einen Blog auch keine Seele, außer ich erzähle jemandem davon. Aber die Möglichkeit, dass es jemand liest, ist immerhin größer, verglichen mit dem Tagebuch. Und das Internet hat ein langes Gedächtnis. Naja, egal. Ich kann mal wieder nicht einschlafen, und da ist mir das mit dem Blog wieder eingefallen. Aber ab sofort schreibe ich über jede Scheiße. Wenigstens ein paar Zeilen am Tag, damit ich später mein Leben besser überblicken kann. Zum Beispiel, dass ich heute Charlie Wilson’s War gesehen habe, der ein für US-Verhältnisse sehr intelligenter und bissiger Film war. Philip Seymour Hoffman ganz großartig, etc.
Schlagworte: Charlie Wilson, Erbrechen, Tagebuch