Florenz
Gestern war ich aus Gründen, die mehr als zur Hälfte nichtprivater Natur waren, in Florenz. Es war mein erstes Mal in Italien. Von Italien und seinen Bewohnern hatte ich bislang keine gute Meinung, habe mich allerdings immer dagegen zu wehren versucht, eine diesbezüglich schlechte Meinung zu haben, weil Klischees immer schlimm sind und böse ins Auge gehen können. Nach dem einen Tag in Florenz habe ich von Italien und seinen Bewohnern und Bewohnerinnen eine sehr gute Meinung. Ich mag es in Italien, zumindest wenn Florenz und Milano Centrale irgendwie repräsentativ sein können. Italien ist offensichtlich nicht nur das Land, wo die Zitronen blühen, die Heerscharen deutscher Bildungsbürger seit Jahrhunderten anlocken, und es ist auch nicht von Typen wie Marco Materazzi bevölkert, die einem die Schwester beleidigen. Ich mag es in Italien. Es ist ein bißchen wie Polen, nur sind die Leute noch netter. Kurz bevor ich wieder zum Bahnhof mußte, habe ich noch eine Flasche Chianti einkaufen wollen, weil der Chianti aus der Gegend kommt, und weil ich wußte, dass zuhause nur noch eine angebrochene Flasche billigen argenitischen Malbec auf mich warten würde. Ich habe auch relativ schnell eine Weinhandlung entdeckt, die allerdings sehr edel aussah, was mich fast dazu bewogen hätte, sie nicht zu betreten. Ich habe in Deutschland und anderswo, hauptsächlich in Scheißparis, die schlechte Erfahrung gemacht, sehr herablassend von Weinhändlern behandelt zu werden. Sie verstehen meist nicht, dass es für jede Situation ein anderes Kriterium der Weingüte gibt, dass man beispielsweise bei einem Wein, den man nicht als Gastgeschenk mitbringt, sondern in aller Ruhe alleine trinken möchte, auch mal ein paar Euro weniger ausgeben kann und sollte. Das verstehen viele Weinhändler und Weinhändlerinnen nicht, weil sie Weinfaschisten sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, und das führt oft dazu, dass ich im Supermarkt den teuersten Wein einkaufe, statt den billgsten Wein beim Weinhändler zu kaufen und dabei weitaus mehr Geld ausgebe, als ich eigentlich vorhatte, als ich noch dachte, dass ich zum Weinhändler und nicht in den Supermarkt gehen würde. Das ist zum einen schlecht für mich, zum anderen schlecht für die Weinhändler. Jedenfalls bin ich dann doch in den florentinischen Weinladen reingegangen und habe angefangen, mich in den Regalen umzuschauen. Bald sind mir hinten im Laden zwei ältere Frauen aufgefallen, die offensichtlich die Weinverkäuferinnen des Ladens waren, in dem ich mich umzuschauen begonnen hatte. Sie waren beide kleiner als 1,50m, hatten beide lockiges, graumelliertes Haar und redeten sehr schnell und wild gestikulierend miteinander, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das fand ich schon mal sehr angenehm. Nach einiger Zeit hat eine der beiden Frauen doch noch Notiz von mir genommen und mich auf Italienisch, einer Sprache, der ich nicht besonders mächtig bin, angesprochen. Ich habe ihr zu verstehen gegeben, dass Italienisch eine Sprache ist, der ich nicht besonders mächtig bin, woraufhin sie sofort, ohne mit der Wimper zu zucken und völlig selbstverständlich in einer Art Esperanto aus Französisch, Italienisch, Englisch und Deutsch mit mir zu reden begonnen hat. “Was machst Du hier? Wo kommst Du her? Was für einen Wein suchst Du? In welcher Preisklasse? Gefällt Dir Florenz? Etc.” Es war sehr angenehm, mit ihr und später auch mit ihrer Kollegin zu reden. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt, ich habe Ihnen Komplimente gemacht, die sie richtig, d.h. mit einem zugedrückten Auge, verstanden haben, und wenn die Umstände andere wären, hätte ich nichts dagegen gehabt, eine Flasche Wein mit den beiden zu trinken, und sie wohl auch nichts. Ich habe zwei eigentlich viel zu teure Flaschen toskanischen Rotweins gekauft, bereue es aber überhaupt nicht, denn der Einkauf hat Spaß gemacht, und der Wein schmeckt auch wirklich sehr gut. Nun gut, kann man jetzt sagen, sie sind halt besonders geschäftstüchtig gewesen, die beiden Weinhändlerinnen in Florenz. Aber das würde so klingen, als ob Geschäftstüchtigkeit irgendwas mit über den Tisch Ziehen zu tun hätte. Hat es aber nicht. Erstens gibt es geschäftstüchtige Weinhändler, vor allem in Scheißparis, bei denen man sich nicht ansatzweise so aufgehoben fühlt, wie ich mich in dem Weinladen in Florenz gefühlt habe. Und zweitens ist - abgesehen von marxistischen Bedenken, die ich ab und zu auch habe - nichts gegen Geschäfttüchtigkeit zu sagen, wenn sie eine Form annimmt, bei der Kunde und Verkäufer gleichermaßen Spaß haben, weil sie einander wie Menschen behandeln. Und von den beiden kleinen, alten und lauten Verkäuferinnen im Bacco Nudo wurde ich in erster Linie wie ein Mensch behandelt, was, Hand aufs Herz, doch eher selten ist. Florenz ist schön uns sehenswert, etc. Das stimmt ja auch alles. Zwei Sachen vielleicht noch. Ich habe bei wunderbar netten und gastfreundlichen Menschen übernachtet. Mein Bett stand direkt unter der Treppe des Arbeitszimmers meines Gastgebers, das ehemals ein Schweinestall war. Alles sehr toskanisch, dabei mitten in Florenz. Ich habe eine ruhige Nacht verbracht und einen der schrecklich schönsten Träume der letzten Jahre gehabt. Daraus lerne ich, dass Ortswechsel, zumindest was die Qualität von Träumen anbetrifft, unbedingt ratsam sind. Die andere Sache: Auf meinem Weg zum Bahnhof habe ich, weil ich noch einige Zeit totzuschlagen hatte, einige Umwege durch Seitengassen von Florenz genommen. In einer dieser Seitengassen habe ich im Vorbeigehen eine Szene beobachten können, die großen Eindruck auf mich gemacht hat. Vor dem Eingang eines Wohnhauses sah ich plötzlich ein Paar, ein Mädchen und einen Jungen von etwa 14 Jahren. Das Mädchen hielt den Jungen umklammert, der offensichtlich in dem Wohnhaus zuhause war, weil er im Gegensatz zu dem Mädchen eher Hauskleidung anhatte. Das Mädchen weinte heftig, schrie “No, no, no!” und erstickte dabei nahezu am eigenen Atem. Der Junge umamte das Mädchen offensichtlich nicht. Seine Körperhaltung hatte etwas Weggedrehtes, sein Gesichtsausdruck war bemüht kalt, mit Augen die in die Ferne schauen, etc. Es war eine dieser Sitautionen, in denen man nicht lange fantasieren muss, um auf eine Geschichte zu stoßen. Offenbar hatte der Junge sich von dem Mädchen getrennt, wahrscheinlich telefonisch oder per SMS, woraufhin sie zur Wohnung seiner Eltern gekommen ist, um über die ganze Sache zu reden. An der Tür konnte er sie nicht abweisen, wollte allerdings, aus Gründen die dieser oder jener Natur sein können, und die sich jeder denken kann, das Mädchen nicht in die Wohnung lassen. Also ist er in seiner Hauskleidung auf die Straße und zu dem Mädchen gegangen, nur um ihr nichts Neues sagen zu können. So oder ähnlich jedenfalls ist es gelaufen, und dass es so oder ähnlich gelaufen sein muss, muss jedem klar gewesen sein, sobald er oder sie die Situation auch nur eine Sekunde lang beobachtet hat. Die markerschütternde Klage des Mädchens und der kontrolliert abwesende Gesichtsausdruck des Jungen. Darin steckte eigentlich alles, was es über die Liebe zu sagen gibt. Man hätte die beiden in Marmor meißeln und zu den anderen Plastiken der Stadt stellen können. Dann wäre Florenz perfekt gewesen. So war es dies nur für mich, drei Sekunden lang.