Die Schweiz ist raus!
Die EM In Österreich und der Schweiz nähert sich mit Riesenschritten. Gewöhnlicherweise fällt es mir nicht schwer, zu entscheiden, welche der Mannschaften ich im Verlaufe eines solchen Turniers emotional unterstützen werde. Aus verschiedensten Gründen hängt mein Herz dieses Jahr immer noch an fünf Teams. Das sind zwei bis drei zu viel. Es ist nichts Verwerfliches dabei, zwei oder auch meinetwegen drei persönliche Favoriten zu haben. Es muss ja auch nicht unbedingt das sogenannte Heimatland sein, finde ich. Diese Einstellung ist offen, locker und entspricht den Gegebenheiten unserer medial vernetzten und globalisierten Welt. Wie gesagt, zwei oder meinetwegen drei Teams sind in Ordnung. Falls sie nach den Gruppenspielen aufeinandertreffen, kann man sich die Prioritäten immer noch überlegen. Fünf Teams emotional zu unterstützen, ist allerdings unmöglich. Zumindest ich kann das nicht. Fünf von 16, das ist zuviel für mich. Da fühlt man sich fast schon wie jemand, der “Dabeisein ist alles” oder “Der Bessere möge gewinnen” sagt, und das ist aus der Perspektive eines emotionalen Unterstützers der größte Schwachsinn überhaupt. Aus mannigfaltigen Gründen kommen also Deutschland, Frankreich, Kroatien, Polen und die Schweiz für mich in Frage. Und mein Problem ist, dass ich innerhalb der kommenden Wochen zwei dieser Teams aus meiner persönlichen Favoriten-Liste streichen muss. Am Wochenende war ich auf einem großen Fest. Eigentlich hatte ich keine Lust, auf dieses Fest zu gehen, weil ich DSDS anschauen wollte. Dann habe ich mich aber doch noch aufgerafft. Ich wollte unbedingt auf dieses Fest gehen, weil ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass ein Mädchen, das ich seit Wochen sehr attraktiv finde, das anzusprechen ich bislang allerdings keine Gelegenheit gefunden hatte, auf dem Fest anwesend sein würde. Gibt es eine bessere Gelegenheit, ein Mädchen anzusprechen, als einen lauen Frühlingsabend, an dem alle schon mindestens drei Bier getrunken haben? Sie würde nur da sein müssen, dann würde sich alles von alleine ergeben, dachte ich. Sie war auch da, stand anfangs allerdings in einer Gruppe von Leuten, die ich nicht kannte. Es ist ja bekanntlich das Schwierigste überhaupt, einfach so in eine Gruppe unbekannter Leute reinzuplatzen und ein Gespräch mit einem Mädchen, das man zu mögen glaubt, anzufangen. Also habe ich mich mit anderen Leuten unterhalten und auf eine bessere Gelegenheit gewartet. Die Gelegenheit ergab sich etwa nach einer Stunde, als ich sie von weitem in einer abgelegenen Ecke der Festörtlichkeit alleine auf einem Fenstersims habe sitzen sehen. Ich bleibe stehen, drehe eine verwirrte Pirouette zwischen den anderen Festbesuchern, zünde mir eine Zigarette an, überlege und denke nach, was am besten zu tun wäre, bis ich endlich zu dem Entschluß komme, dass es hier und jetzt nichts zu überlegen gibt. Daraufhin gehe ich schnurstracks, wie man sagt, auf sie zu, noch 15 Meter, noch 10 Meter, noch fünf. Bis ein Typ mit zwei Bierbechern aus einer Seitentür rauskommt und sich zu ihr gesellt. Ehrlich gesagt hatte ich den Typen schon eine Stunde zuvor in ihrer Nähe gesehen und angefangen mir diesbezüglich Sorgen zu machen, aber mir war klar, dass man sich in solchen Zuständen immer etwas übertriebene Sorgen macht, deshalb habe ich nicht weiter an ihn und die Beziehung, in der er zu ihr stehen könnte, zu denken versucht. Jetzt ist er mir zuvor gekommen und hat sich bei ihr in der abgelegenen Ecke der Festörtlichkeit breit gemacht. Optimist, der ich bin, habe ich mir gleich gesagt: “Ruhig Blut, das muss ja alles nichts heißen. Du gehst jetzt mal woanders hin, hast ein bißchen Spaß bei den spaßigen Sachen, die die Festveranstalter sich für dich ausgedacht haben, und sobald sie das Bier ausgetrunken haben, ist der Typ auch schon wieder weg.” Im Verlaufe der nächsten Stunde habe ich etwa fünfzehn Gründe gefunden, an der abgelegenen Ecke der Festörtlichkeit zufällig vorbeizuschlendern. Aber sie klebten immer noch aneinander, als ob es nichts um sie herum gäbe. Nach über einer Stunde war die abgelegene Ecke der Festörtlichkeit menschenleer. Nach zwei Stunden hatte ich sichergestellt, dass sie sich in keiner Ecke der Festörtlichkeit mehr aufhält und also das Fest verlassen hat. Wenn ich wenigstens den Typen wiedergesehen hätte. Aber er war offenbar auch schon weg. Was alles in allem eine Schlußfolgerung nahelegte, die ich nur mit zwei Bechern Bier auf ex verkraften konnte. Was das alles mit der EM und den Teams, die ich emotional unterstützen werde, zu tun hat? Der Typ hat eine dieser Retro-Trainingsjacken getragen, die Jacke war rot, und ich glaube, auf der linken Brustseite ein Emblem mit dem Schweizer Kreuz gesehen zu haben. Das alles ist für mich Grund genug, die Schweiz aus meiner Liste zu streichen. Die Uhr tickt. Die EM nähert sich mit Riesenschritten. Deutschland, Frankreich, Kroatien, Polen. Für eine der Mannschaften wird es eng bei mir.